17
Feb 13

Monteverdi to the Stars

“I don´t use digital Effects. I love knobs!” Eigentlich keine Frage: der Pianist Russ Lossing hatte vier “Tretminen” unter dem Fender Rhodes liegen, heute abend beim Konzert mit Samuel Blaser´s “Consort in Motion” im Berliner Club Aufsturz.

Russ Lossing spielt das Rhodes auch “inside”

Der analoge down-to-earth-Approach prägte die ganze Band – auch der Posaunist Blaser spielte “unplugged”, der Bassverstärker von Drew Gress dagegen fiel kaum ins Gewicht, Gerry Hemmingway am Schlagzeug machte das akustische Quartett komplett. Ok, das Fender ist ein e-Piano, aber wie Lossing das Instrument bei geöffnetem Deckel auch “inside” bespielte, rückte es fraglos in die “akustische” Riege.
Und doch sind “Consort in Motion” nicht das Jazz-Posaunen-Quartett von nebenan. Als vor zwei Jahren das gleichnamige Album erschein glaubte man erst an einen flauen Wortwitz, denn es war mit (dem in zwishen verstorbenen) Schlagzeuger Paul Motian aufgenommen worden. Und Consort – das war doch eine Besetzungsbezeichnung aus dem frühen Barock! Tatsächlich hat Blaser hier barocke Musik zu Grunde gelegt – die Titel “von Monteverdi” allerdings, die er ansagt, gewinnen in dieser Band eher Space-Age/Sun-Ra-Appeal. Nicht, dass der Jazzbearbeiter Blaser (den schon sein Instrument früh an das alte Consort-Repertoire heranführte) etwas das Tempo stark anzöge. Auch der gesamte “Look and Feel” bleibt erstaunlich harmonisch – sonst ist Blaser mit z.B. Marc Ducret oder im Duo mit Pierre Favre und meist in freier improvisierenden Zusammenhängen unterwegs. Und auch Lossing, Gress, Hemmingway sind keine Waisenknaben, wenn es darum geht, auch mal die Ränder der bewohnten Musikwelt (die bekanntlich eine Scheibe ist) zu erforschen. Während der eine die Signale seines Instruments mit Filtern staucht, knetet, auseinanderzieht, greift der andere zu einer überschaubaren Menge Klapperkram, schnappt sich einen von Blasers Dämpfern und erzeugt aufs Trommelfell blasend ganz ähnlich schnarrende Töne wie der Posaunist selbst in tiefster Lage.
Der läßt immer wieder auch Teile der barocken Original-Melodien durchblicken, aber sein Vokabular ist eben auch 500 Jahre weiter: ein zeitgenössischer Meister des Posaunenspiels. So lullt der Wohlklang bzw. Vollton seines großen glänzenden Instruments nicht ein, sondern öffnet die Ohren für all die ins 21. Jahrhundert gebeamten Lippentriller, die “Sheet of Sound”-artigen Arpeggien, die Unterschiede und Gemeinsamkeiten von Komplexität und Schlichtheit. Vielleicht sind das einfach die grundlegenden Prinzipien, die die barocken Kompositionen ebenso wie den von Stil-Schablonen befreiten Jazz des jungen Wahlberliners Blaser verbinden. Man müssste es nochmal nachhören. Vielleicht am Freitag, den 22. Februar beim Just Music Jazz Festival Wiesbaden ?


19
Jan 13

“Wir brauchen keinen Landvermesser!”

Nach der Vorstellung dann treffen sich im Foyer zwei bemerkenswerte Posaunisten: Nils Wogram und Conny Bauer. Der erstere war extra angereist, um zu spielen, letzterer war gekommen, der ersteren spielen zu sehen. “Es ist halt keine Jazz-Oper” sagt Wogram – und beschreibt damit keineswegs ein Manko. Die Berliner Opernkompanie Novoflot hat für “Das Schloss” Musik aus Franz Schuberts “Winterreise” verwendet, eingearbeitet in Komponiertes von Alekandra Grypka – und gekontert durch improvisationen von Nils Wogram.
Wie passt das zusammen? “Das Schloss” arbeitet sich – man ahnt es – an Kafkas Erzählung um den Landvermesser K. ab, der am undurchschaubaren Leben in der Fremde (gefangen in seltsam bedrohlichen Arbeits- und Liebesverhältnissen) vermutlich irre wird.
Kafkaesk drängt sich das Opernorchester, ein Quintett (Ensemble Mosaik) in einer kleinen Klavier und Vibraphon-Burg zusammen, während in den Technik-Nebenräumen der Seitenbühne des Festspielhauses Text deklamiert wird. Das wird ein langer Literatur-Abend, schwant dem Zuschauer, da kommt schon Nils Wogram, übernimmt mit einer multiphon groovenden Improvisation die musikalische Leitung, während sich die Rückwand hebt (ein “eiserner Vorhang”) und das Publikum von zwei Mädchen gebeten wird, den Raum zu wechseln. Später fällt ein, dass die zwei den Geister-Zwillingen aus “Shining” ähneln. Auch so ein Schloss.
Da haben wir aber schon Platz genommen auf dem neuen Podest, das steht in einer Wirtschaft (helle, rustikale Tische und Stühle) – die von noch mehr Kindern bevölkert ist, die Maßkrüge stemmen, aber auch Telefone stehen auf den Tischen, Locher, Hefter – Pollesch würde es ein “Gasthaus-Office” nennen.
Dann kommen drei Erwachsene zu “Besuch”, ein Bass (Hans-Peter Scheidegger) und zwei Sopran-Sängerinnen (Hanna Dóra Sturludóttir, Yuka Yanagihara), denen aber der Zugang zu dieser Wirtshaus-Gemeinde verwehrt wird. Kafka. Entfremdung. Fremdenhass. Ausweglosigkeit. Das ganze Programm. Doch dass man sich insgesamt für 2 Stunden in dieses Hochkultur-Schloss der Weltliteratur eingeschlossen findet, erzeugt grade die richtige Beklemmung.
Hat man sich gerade darin eingerichtet, genießt gar die von Grypka auf drei Sänger verteilten Schubert-Lieder, die hier als Arien dienen, dann beginnt sich die Welt zu drehen: wir sitzen auf der Drehbühne, umgeben von ganzen drei! Eisernen Vörhängen, die mit mehr oder weniger beeindruckendem Lärm auch nach oben fahren können, Blicke in weitere Räume freigeben – mal schaut sogar der Zuschauerraum des großen Saals aus leeren Sesseln zurück. Oder herabsinkende Lüster sperren die Sänger im anderen Raum ein…
Nicht alles kann, nicht alles soll hier verraten werden. Nur soviel: So spröde Literatur-Oper sein kann, Novoflot haben hier einen Bilderreichtum von geradezu barocker Fülle geschaffen. Genial auch, das gesamte Haus von seinem zentralsten Punkt: der Bühne aus, zu verstehen. So klingt immer wieder Musik aus dem Off, aus Nebenräumen – wenn Lolitas locken “das wird ein Spaß” scheppert hinten “I can´t get no satisfaction” (das hätt man nicht noch singen müssen), der Gesang (solo oder im Kinderchor) wir mal vom Musikensemble, dann wieder von einem der zahlreichen Klaviere begleitet – wahrer Surround-Sound mit Tiefenwirkung. Das Publikum auf der drehenden Bühne erlebt die Verunsicherung K.s am eigenen Leib: mittendrin und doch ohne festen Halt.
Nils Wogram als Posaunensolist ist der musikalische Coup. Mal ist er das “Faxrauschen”, das aus den Telefonen quillt, mal klinkt er sich als “Avantgarde-Spur” in die Schubert-Arrangements, dann wieder löst sein Solo in aller Komplexität das Opernorchester ab. Im Finale soliert er noch über ein paar Schubert-Lied-Chorusse, der Abgesang ist dann sein Solo, mit dem Posaunenzug bahnt er sich den Weg durch die “vierte Wand” – dann fällt die Tür ins Schloss. Buchstäblich.
Und der Rezensent reibt sich verwundert die Augen: das war mit einfachsten Mitteln bildgewaltiges Musiktheater – hervorragende Komposition, eine bewundernswerte Einheit (und Miteinander) von Musik und Bild (nicht vergessen: die “Bühnenbilder” von Beamern an verschiedene Wänder geworfen und “live” und treffend gezeichnet von Ulrich Scheel) kurz: das ist Oper 2013 – der ganze Zauber ohne Illusion. Wenn es noch ein Plädoyer bräuchte, warum Theaterhäuser gebraucht werden: hier ist es. Kino kann das jedenfalls nicht.
Was jetzt Nils Wogram und Conny Bauer noch zu bereden hatten: das steht hier nicht. Das ist ihre Sache. Unsere Sache ist es, Ihrer Musik zu lauschen.


09
Okt 12

“People need some more inspiration!” Zum Tod von John Tchicai

John TchicaiDen Jazz lernte der 1936 geborene John Tchicai wie die meisten seiner Altersgenossen nach dem Krieg durch das Radio kennen. Die Klänge von Coleman Hawkins, Johnny Hodges und Charlie Parker begeisterten den damaligen Geigenschüler für das Saxofon, der swingende Rhythmus für den Jazz. Während seiner Dienstzeit bei der Marine nutzte er zu regelmäßigen Ausflügen in die Jazzszene Copenhagens, wo er Thelonious Monk, Miles Davis, Basie, Ellington, aber auch Eric Dolphy etc. live erleben konnte. Die dänische Metropole war wegen der aufgeschlossenen Jugend und der wenig restriktiven Drogen-Gesetzgebung beliebt bei Jazzmusikern. Albert Ayler nahm eine Zeitlang in Copenhagen Quartier, Dexter Gordon, Stan Getz, Ben Webster, Ed Thigpen, Kenny Drew etc. blieben in den sechziger Jahren hier wohnen.

Da hatte Tchicai längst den freieren Zweig der Szene begründet, inspiriert durch Begegnungen mit Sunny Murray, Cecil Taylor, Jimmy Lyons, Albert Ayler, Bill Dixon und Archie Shepp. Die Beiden Letzteren luden ihn ein, nach New York zu kommen – und 1963 landete John Tchicai mitten im Herzen der sich rapide entfaltenden Free Jazz Szene: “I felt to be in the right place – I think I came in the right time in the right place and then: it´s always the important thing for a musician to have the right timing. So I was maybe lucky to be there at that time and I felt that I was there because there was the master plan or something like it.” (John Thichai im Interview 2011). An der Seite von Archie Shepp spielte er in Bill Dixon´s „The New York Contemporary Five“ – und war auch als Altsaxophonist an den Aufnahmen zu Shepps “Four for Trane” und John Coltrane´s “Ascension” maßgeblich beteiligt. Das DownBeat Magazin stellte 1966 fest, John Tchicai “stands out among the jazz avant-garde, musically and personally”.

Das freie Zusammenspiel erfordere eine griffige Form, fand er – und gründete gemeinsam mit dem Posaunisten Roswell Rudd das New York Art Quartet und umriss sein Credo in den Liner Notes zur Platte “Myhawk” wie folgt: “There is so much talk about the freedom of this music, but the musician still has to abide to the rules of artistical responsibility, and they should never forget that whichever way the technique develops: the content (the feeling) must always be there (passion, energy, lyric, strength).”

Die Erkenntnis, dass individuelle Verantwortung eine Voraussetzung für gelingende Freiheit beim Zusammenspiel ist, setzte Tchicai ab 1966 mit dem Avantgarde-Ensemble “Cadentia Nova Danica” um (es kam u.a. zur Aufnahme des Albums “Afrodisiaca” und zur Zusammenarbeit mit “Musica Elettronica Viva”) – und vermehrt auch in seiner Arbeit als Pädagoge (1987 erschien sein Buch “Advice to Improvisers”).

1977 bekam er – als erster Jazzmusiker überhaupt – ein dreijähriges Kompositions-Stipendium des Dänischen Kulturministeriums. Auch seine Kompositionen (ob für ein Blasorchester, ein Percussions-Ensemble oder auch klassisches Sinfonie-Orchester) sind einerseits von seinem stark swingenden Rhythmus-Verständnis geprägt, oft auch von afrikanischer oder orientalischer Musik inspiriert.

Sein Leben lang war John Tchicai unterwegs – ab 1990 von Kalifornien aus, wo er “Artist in Residence” war und mehrere Bands gründete – in Europa u.a. mit dem Bassisten und Musikologen Peter Niklas Wilson – 2001 zog er in die Nähe von Perpignan in Frankreich. Die Ortswechsel und das Leben des “fahrenden Musikers” entsprach seiner Lebensphilosophie, die einerseits von Meditation und Yoga, andererseits von einer aufmerksamen Neugier geprägt war.

Auch, wenn er in den vergangenen Jahren mit dem seit 1980 bestehenden Pierre Dørge New Jungle Orchestra oder seinem Projekt “John Tchicais Ascension Unending” auf verschiedenen Festivals zu hören war – eine nostalgische Wiederbelebung alten Repertoires war seine Sache nicht. “Nowadays in every country there has been a kind of a retrograde progress in the music. And the music has become more conventional and the more improvised music and more free music has been put a little bit in the background” war seine Einschätzung des zeitgenössischen Jazz. Wo Festivals rund um die Welt ihre Programme mit deutlichem Seitenblick auf den Publikumserfolg ausrichten, betonte er, wie wichtig neue Erfahrungen für die geistige Entwicklung jedes Einzelnen seine. Zum Beispiel das Miterleben eines Konzertes improvisierender Musiker: “I think: we should have all the possible aspects: Of course you should have that music that is most interesting for people: You can keep listening to more traditional music, but after a while you know it so well, that you need some more – people need some more inspiration I think from the people that experiment more.”

Ein John Tchicai-Konzert jedenfalls war immer ein Erlebnis. Mal ließ er sein Publikum Ostinato-Parts singen, zu denen er dann improvisierte. Dann wieder legte er das Instrument beiseite, rezitierte selbst geschriebene Gedichte. Was immer der Zwei-Meter-Mann, der seine Erscheinung stets mit einer Mütze krönte, auch tat: es war ein Beispiel der besten Qualitäten einer “freien” Musik: humorvoll, der Welt zugewandt, freundlich und ganz persönlich.

Wie jetzt zu erfahren ist, lag John Tchicai nach einem Schlaganfall schon seit Juni im Koma und starb wohl in den frühen Stunden am gestrigen 8.Oktober. Wieder ist die Welt ein Stück ärmer geworden.