10
Mai 14

X-tended Jazz Play

Jetzt sind wir mittendrin im XJAZZ – heute der finale Show-Abend, und die taz und das Deutschlandradio nehmen das zum Anlass, darauf hinzuweisen. Hier ist der heißeste Scheiß am Kochen! Als hätten sie´s immer gewusst. (jetzt schon größer als das Jazzfest Berlin, sagt Dradio…)
Dabei muss man dem XJAZZ wirklich mal danken, dass er beweist, was alles geht: ein Jazzfestival in 6 Clubs in Kreuzberg! Ein Programm von der zarten Liedermacherin bis zum Elektronik-FreeJazzer! Volle Hütten bei Jazzmusik-Events!!!

Dass sich nämlich ein Wochenend-Party-Publikum nicht von komplexem zeitgenössischen Jazz verscheuchen lässt, war gestern schön im Fluxbau zu beguachten, wo Dejan Terzics MELANOIA spielten: der Schlagzeuger Terzic hat tatsächlich hoch spannende, aber eben auch vertrackte Musik komponiert und dazu ein Quartett von Experten zusammengestellt: Achim Kaufmann, Klavier, Ronny Graupe (Hyperactive Kid u.a.) an der Gitarre und Hayden Chisholm mit seinem fein abgestimmten Spiel auf dem Altsax. Da ging es nicht um´s Angeben: „Kuck mal, wie ich diese 13/16tel-Rhythmen spielen kann!“ – sondern schlicht gesagt: um das Finden von Schönheit in ganz unterschiedlichen Stücken. Das war etwa eins von Thelonious Monk (oder doch Herbie Nichols, den Achim Kaufmann gut kennt), Jazz in seiner kultig-verschrobenen Art. Später folgte noch ein Rock-Brett (eben in Odd Meters), gemeinsam fein verwobene Klangereignisse und, und und. (Kauft euch halt die CD, die ist auch gut.)

Weil aber die Uhr Richtung Mitternacht zeigte (am Freitag abend…), der Fluxbau am Ende der Oberbaum-Brücke liegt (quasi) und im Anschluss sowieso die „Naked Jazz Jam“ angesagt war, strömten langsam in Teile des Publikums auch Handy-Fotografiere, die sich gar nicht mehr einkriegten über die „Jägermeister“-Flaschen-Konstruktion an der Bar (die ist auch sehenswert!) – und ihre strahlenden Gespräche auch gleich mit Drinks unterstützten.

Im Jazzclub (oder auf einem „normalen“ Konzert) hätte man „schschsch“ oder so was erwartet. Aber XJAZZ ist eben auch: ein Festival für die ungewöhnlichen Jazzhörer. Denn die Weekender betrachteten MELANOIA eben nicht als Fremdkörper in ihrer Bar – Jazz gehört schon auch dazu. Q.E.D.

Abgesehen davon: bei Nils-Petter Molvaer mit Moritz von Oswald ein anderes Publikum als in der Nacht zuvor: jünger, eher mit Club-Erfahrungen. Lustig zirpten im Intro zum Konzert Sitar-Klänge (von der Bühne) und Handy-Einwahl-Knarzen (vor der Bühne) um die Wette. Ach Leute: nur, weil da ne riesen Anlage steht, heißt es ja nicht, dass die Musik auch mal leise und zart ist und von einem Anruf (klingelingeling) auch mal gestört werden könnte. Aus heißt aus.

Bewiesen wurde gestern auch dazu, dass ein Konzert (Hakon Kornstad) mit Harmonium, Hackbrett und Rossini-Tenor-Arie in einer Kirche auch hundert Leute (grob, oder warns noch mehr?) faszinieren kann. In der Geisterstunde noch Kathrin Pechlof und Christian Weidner (Harfe, Altsax) auch in der Emmaus-Kirche, so intim, dass der Applaus für am Ende des Konzerts vereinbart wurde. Und Intim heißt nicht: im kleinen Kreis. Nein, im Gegenteil: Reihen waren locker, aber doch gefüllt.

Worüber sich Taz und Deutschlandradio und alle alle auch verbreiten: dass die Musiker „Auf Eintritt“ oder „gegen die Tür“ auftreten. Nunja: einmal hat XJAZZ einfach kein Geld im Voraus, dass es zu verteilen gibt, also kann man nur auf Eintrittsgelder hoffen. Und wie einer im Radio sagte: „das sind wir ja gewohnt…“ Sonst sind die Deals ja auch: Prozente vom Eintrittsgeld. Und dann ist es ja auch so, dass das wirklich erfolgreiche Festival tatsächlich auch die Chance für gut besuchte Konzerte bietet.

Und das – so sieht es mal aus – geht wohl gerade auf. Mit XJAZZ 2015 muss man wohl schon rechnen.

Heute: Kurt Rosenwinkel, Samuel Samuelsson Bigband, Lamento Project

Hakon Kornstad

Emmaus-Kirche: warten auf Hakon Kornstad

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09
Mai 14

X Uhr

Gelungen. Das XJAZZ hat jetzt schon alles, was ein Jazzfestival auszeichnet: eine exklusive, internationale ad hoc-Band, verzögerte Soundchecks – und Rotweintrinker im Publikum. Wobei ich der Klischee-Statistik an dieser Stelle gleich widersprechen muss: gesehen habe ich die eleganten Gläser in den hübschen Händen junger Frauen – in der ersten Reihe, direkt vor der Bühne, auf der ADHD auftraten.

Die Musik des isländischen Quartetts zeigte allerdings keine Symptome eines Aufmerksamkeits-Defizits. Im Gegenteil: nordischen Schamanen gleich (dicker Bart, Kutter-Kapitäns-Kappe, Barfuß) zelebrierten sie weite Spannungsbögen. Zur Inspiration dürfte ihnen zuhause in Island die Horizont-Linie weit hinten im Nordatlantik gedient haben. Und ihre Songs (mit großflächig eingestzten Rockgrooves) nahmen die Chance wahr, steigerten sich ins Unerwartete. Wie da der Flügel zum Beben gebracht wurde: das ging durch Mark und Bein. Große Musik. Schlichte Musik auch: aber mit einer lässigen Selbstverständlichkeit – eben nicht: vorgetragen, sondern – in die Welt gesetzt, gesungen, gefeiert, dass der ganze Privatclub tatsächlich genau das wurde: eine Crowd mit einer Melodie.

Mit etwas Abstand aus der letzten Reihe betrachtet blieben die Abläufe dann doch etwas eindimensional, immer wieder schoben sich Fragen dazwischen: klingt der Saxofonist wirklich wie Joe Lovano? Und warum sieht er aus, wie dieser „Supergeil“-Typ aus der Edeka-Reklame? Spielt der seine Musikmeditation nur vor, oder ist der so?

Das Konzert von Nils Petter Molvaer verzögerte sich...

Mit diesen Fragen ging´s wieder zurück in´s Bi Nuu, der wohl größte Spielort für den XJAZZ. Hier sollte später Nils-Petter Molvaer spielen. Mitgebracht hatte er seine aktuelle Band mit dem Pedal-Steel-Gitarristen Geir Sundstol. Schließlich gibt es ein neues Album vorzustellen, das heißt „Switch“. Leider gab es beim Soundcheck einen Unfall mit Wasser und Elektronik, so dass ein entscheidendes Kästchen eben seinen „Switch“ verweigerte. Das Publikum nahms gelassen: eine Stunde warten eben, aber dafür gibt es Nils Petter Molvaer in Club-Atmosphäre zu erleben. Das bietet sonst kein Festival (shcon gar nicht zweimal hintereinander, Molvaer tritt heute noch mal im Duo mit Moritz von Oswald auf, denen 1/1-Album kam im vergangenen Sommer heraus, die Release-Tour tobte durch die großen Hallen, jetzt gibt’s die introvertierten Beats noch mal zum Nachhören.

Wie schafft XJAZZ das eigentlich, solche großen Namen zu bezahlbaren Preisen in den Kreuzberger Nachbarschafts-Club zu holen? Ganz einfach: Festivalleiter Sebastian Studnitzky kennt zum Beispiel Molvaer persönlich und konnte ihn überzeugen, ohne feste Vorauszahlung, sondern als Jazzmusiker mit einem Deal „gegen die Tür“ zu spielen. Das Publikum war da. Soweit hat das also geklappt.

Reich wird der XJAZZ-Veranstalter damit aber nicht, auch wenn heute mit Francesco Tristano (Solo-Programm: Bach und Detroit-Techno arrangiert für´s Klavier) noch ein Publikumsmagnet auf dem Programm steht. Denn ein Kommerz-Festival ist der XJAZZ trotzdem nicht. Gut zugeschnitten auf die Wünsche des Publikums: ja, das zeigt sich in den vollbesetzten Konzerten auf den glücklichen Gesichten des jeweils unterschiedlich gemischten Publikums.

Wo Molvaer eher gestandene Männer zwischen 30 und 50 anzog (die ihn und seine lauten Gitarristen schon seit Jahrzehnten als Fans verfolgen), war das Bi Nuu zum Auftakt mit Emiliana Torrini weiblicher, mit Kinderwagen bewaffnet und dem Zuhören mit zur Seite gelegtem Kopf nicht abgeneigt. Die Isländerin hatte nur ihre Songs mit nach Berlin gebracht – Musiker fand sie hier in Sebastian Studnitzky (am Klavier!), Klarinettist Claudio Puntin, Drummer Tommy Baldu, der Harfenistin Kathrin Pechloff und noch einigen mehr. Eine XJAZZ-Band sozusagen: alle treten hier heute in eigenen Konzerten wieder auf. Zusammen brachte man Torrinis isländischen Folk mal in Indie-Impro-Gewänder, dann in die Nähe zum Popjazz (mit Special FXssudn vor allem charmant und sehr persönlich auf die Bühne. Ein Highlight. Wenn auch nicht für die Jazz-Polizei.

Die durfte dann mit hektisch zuckendem Blaulicht zum Absacker in den Fluxbau einrücken, wo der Berliner Schlagzeuger Eric Schaefer sein neues Trio-Projekt: das Kondensat vorstellte. Mit Oliver Potratz am E-Bass und Gebhard Ullmann an Tenor und Soransaxofon! Kocht man einmal die Jazzgeschichten dieser drei profilierten Musiker auf, dann bildet sich tatsächlich ein Kondensat, das nach Fusion-Jazz schmeckt, aber sich deutlich quecksilbriger bewegt (ist doch Schaefer etwa nicht im Gitarrenrock der 70er aufgewachsen, sondern im elektrischen Hardcore der jüngeren Vergangenheit). Davon will man mehr hören.

Und dazu gibt es heute Gelegenheit: zwar kein weiteres Kondensat-Konzert, aber viele bemerkenswerte Berliner Bands. Wie wäre es etwa mit Dejan Terzics MELANOIA ? Da gibt es unter anderem den großartigen Hayden Chisholm zu bewundern. Und Achim Kaufmann und Ronny GraupeDas Kondensat – Live in Berlin. Könnte ein Schwerpunkt des Abends werden… Sucht euch was schönes raus. Das Angebot ist reichlich.


08
Mai 14

Tag X – Die Qual der Wahl

Heute geht es los. Endlich. XJAZZ, das neue Festival. Jazz in X-Berg. Der Anfang ist noch sanft: nur vier Clubs, und nur die Hälfte der 13 Konzerte heute abend laufen gleichzeitig. Also klug wählen.

Beim XJAZZ mal nicht mit “Jungle Drum”, sondern live, solo, akustisch, privat.

Den Auftakt gibt Chris Adams mit seinem 60er Jahre-Jazz-Trio plus zwei Gästen: ein HardBop-Quintett im Privatclub. Power. Das öffnet schon mal schön die Ohren. Um Acht, zur Tagesschau dann gleich der erste Brecher: Emiliana Torrini. Schon mal gehört den Namen? Richtig. „My Heart is beating like a drum“ ist immer noch ein Ohrwurm. Weltweit. Heute kommt sie ins Bi Nuu am Schlesischen Tor. Muss ich dazu sagen, dass sie hier Jungle Drum wohl nicht singt? Und wenn, dann sicherlich ganz anders, intimer wohl. Zum Anfassen.

Zurück in den Privatclub – während im Fluxbau das Fluxtet und Trio Schmetterling die lokale Szene repräsentieren und alles vorbereiten für die Konzerte von Eric Schaefer (Wollny Trio, Johnny La Marama, etc.) und Melt Trio. Eigentlich darf man die nicht verpassen, aber im Privatclub eben starten um halb zehn ADHD, crazy ambient-rock-grunge-jazz aus Island, und um Viertel vor Elf dann Nils-Petter Molvaer wieder im Bi Nuu. Solo. Morgen noch mal am gleichen Ort zusammen mit Moritz von Oswald. Vielleicht kann man da noch was machen….

Den Ausklang im Bi Nuu macht dann zur Geisterstunde Paul Frick (ja, der von Brandt Brauer Frick) mit Local Suicide, im Privatclub Vernon D. Hill, im Fluxbau dann um eins Electro Swing Revolution.

Verpassen werde ich heute: Ann & Bones (ein MICATONE-SpinOff) und Mop Mop im Monarchen. Einfach, weil ich auch nicht überall sein kann. Schiet.

Also: wir sehen uns!