Pyromusikale in Berlin-Tempelhof mit Jazz-Solisten
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Die Idee, Feuerwerk mit Musik zu begleiten, kennt man – zumindest in Europa – spätestens aus dem Barock/Renaissance-Zeitalter. Schließlich war Händels “Feuerwerksmusik” genau das – eine Auftragsarbeit, um ein Sommerfest des Englsichen Königs George II. akustisch zu untermalen. Die Musik soll sogar den Abend gerettet haben, denn das geplante Feuerwerk war feucht geworden und geriet damals aus pyrotechnischer Sicht zum Flopp.
Ein Versagen des Feuerwerks aus Feuchtigkeitsgründen war an diesem Wochenende, Jahrhunderte später und mitten im Zeitalter der Klimakatastrophe, ausgeschlossen. Zwar knabberten Berliner Füchse vier Zündkabel an und vereitelten am Donnerstag abend den Weltrekordversuch – das neue Logo der City-Eigenwerbung sollte aus 22.000 Feuerwerksladungen in den Himmel geschrieben werden (“Hab Ladehemmung aus lächerlichen Gründen. Sei Berlin”) – aber wegen Regen musste nichts abgesagt oder unterbrochen werden. Und es regnete ja auch gar nicht.
Der stillgelegte Flughafen Tempelhof (Selbstbezeichnung “Zentralflughafen”) entzündet ja schon lange die Fantasien der Berliner. Und die von Hans-Georg Kehse ganz besonders, denn er ist Feuerwerker und offensichtlich auch Musikfreund. Jedenfalls dachte er sich ein dreitägiges Festival aus, mit Feuerwerk und Musik als miteinander verbundenes Gesamtkunstwerk – stattfinden sollte das in Tempelhof. Tatsächlich gibt es wohl kaum einen so großen freien Platz mitten in der Stadt, der größtenteils auch aus Wiese besteht, auf der man Feuerwerke in den Boden einbuddeln konnte. Es passt also alles zuammen. der Flughafen schließt – die Pyromusikale kann steigen.
Eingeladen waren Feuerwerker aus der ganzen Welt, von Kanada, Italien und Spanien bis Japan und China. Das spricht für Qualität. Die letztgenannten haben schließlich die weltweit bewunderten Pekinger Feuerwerke zur Eröffnung und Abschluss der olympischen Spiele 2008 gestaltet. Schon gute Leute. Soweit die Pyro-Seite.
Auf der musikalischen Seite wurde ein mindestens ebenso hochkarätiges Programm zusammen gestellt. Schon mittags um 16 Uhr ging das auf der zentralen Bühne los. Und zu hören waren dort u.an. Kool and the Gang, aber auch Abdourahmane Diop & Griot Music Co. und last, but not least: Joachim Kühn mit Majid Bekkas und Ramon Lopez und Musikern aus Nordafrika, gemeinsam brachten sie das einzige Deutschlandkonzert der aktuellen CD “Out of the Desert” live nach Berlin. Die Stadt wusste gar nicht, wie ihr geschah.
Es war 19 Uhr, noch gute zweieinhalb Stunden, bis das Feuerwerk beginnen sollte. Um diese Zeit qualmten nur die Würstchengrillbuden (während später ganze Stadtteile wie Silvester rochen), als dieses spannende Jazzprojekt zu spielen begann. Nach den ersten Minuten hatten die Musiker und vor allem die Tontechniker (die man um die Aufgabe nicht beneiden mochte) sich auf die akustischen Verhältnisse im Zeltpavillon mit den 20 auf dem Rollfeld verteilten Lautsprechertürmen eingestellt. Und dann gelang das Unerwartete: gemeinsam hoben sie ab, improvisierten nicht nur routiniert mit vorgefertigten Versatzstücken, sondern nahme die “Stücke” des eben erschienen Albums “Out of the Desert” als Anhaltspunkt für ihr gemeinsames Spielen.
Die afrikanischen Sänger mit ihren Handzymbeln (so eine Art große Castagnetten) tanzten, sangen und lieferten eben durchlaufende Zymbal-Rhythmen, dann war da Joseph mit seiner unter den Arm geklemmten talking drum, auch er sang – angesichts der beeindruckenden Kulisse (er stand gegenüber des großen Schriftzuges “Berlin-Tempelhof” am Empfangsgebäude) “Ich bin ein Berliner”… ein Kalebassen-Marimba-Spieler mit westafrikanischen Zügen und natürlich das Joachim Kühn Trio mit Majid Bekkas an der Guembri und Ramon Lopez als Schlagzeuger.
Für viele im Publikum (das mit herannahendem Feuerwerksspektakel auf mehrere tausend anwuchs) dürften die bunten Trachten und afrikanischen Gesänge mit ausgedehnten Loop-Dimensionen höchst ungewohnt gewesen sein. Einige hundert sammelten sich direkt vor der Bühne, um etwas von dem besonderen Spirit da oben mitzubekommen. Denn das war wirklich bemerkenswert: Joachim Kühn und das “Global World Orchestra” (so hieß das hier) fanden wirklich zum musizieren zusammen, lösten sich von dem Erwartungsdruck, eine Show für die übergroße Bühne zu liefern, sondern waren wirklich bei sich – und entwickleten dabei eine Energie, die sich eben auch nach draußen transportierte und von außen zu beobachten war. Die Kameras mit ihren Close-Ups waren dabei sogar eher hinderlich, möchte ich annehmen. Aber wie sonst soll man einen ganzen Flughafen an einem Klaviersolo teilhaben lassen?
Vielleicht – drängt sich immer wieder der Verdacht auf – vielleicht passt ein Feuerwerks-Spektakel nicht ganz zu improvisierter Musik. Schließlich geht es da um, teilweise intime, Interaktionen zwischen Individuen und nicht um Strahlkräfte, wie sie in der Oper gut aufgehoben sind. Aber andererseits ist es doch wunderbar – da gibt es ein Festival, das Zehntausende ansprechen will und die Bühne öffnet auch für Jazz, Weltmusik, Improvisation. Viele Besucher der Pyromusikale werden wohl sonst kaum Jochim Kühn oder Connie Bauer zu hören bekommen. Die Erwartung, sie mögen jetzt umgehend Fans dieser Künstler werden, ist sicher zu hoch gesteckt, zu pädagogisch gedacht. Aber: die Hörerfahrung ist gemacht.
Genau. Connie Bauer – er kam gegen Ende des Joachim Kühn/Global World Orchestra- Auftritts auf die Bühne, gemeinsam mit Christian Lillinger und Matthias Schriefl, um einzusteigen. So entwickelte sich ein ausgelassenes Afro-Jam-Finale – das passte dann auch perfekt zum Vorfeld-Festival und wurde auch entsprechend gefeiert.
Die deutschen Jazzmusiker waren nicht zufällig in Tempelhof. Als “Starsolisten” waren sie eingeladen, zu den Feuerwerken am Abend zu improvisieren. Jeweils die ersten 5 Minuten der dargebotenen Pyro-Kunstwerke standen unter dem motto “You can’t believe your Eyes” – und das waren auch die überwältigenden Minuten, die von Christian Lillinger, Joachim Kühn, Conny Bauer, Ramon Lopez, Majid Bekkas und Matthias Schriefl jeweils als Solisten begleitet wurden. Denn die Pyromusikale war auch als Wettbewerb für 6 Feuerwerks-Teams organisiert. Schon im Vorfeld hatte ein Kompositionswettbewerb stattgefunden – und die Siegerkomposition folgte jeweils als zweiter Teil der musikalischen Feuerwerke, bevor die Kür einsetzte, also die Feuerwerker sich “Wunschmusik” aussuchen konnten, zu denen sie ihre Pyroterchnik choreographierten. Ein spannendes musikalisches Programm könnte man denken – aber es ging um einen Wettbewerb und da wählten alle die Musik, die den meisten Erfolg versprach – also effektvolle Titel, die allgemein bekannt sind. Da gab es Peer Gynt, den Walküren-Ritt, die schöne blaue Donau und Vivaldi’s vier Jahreszeiten – in HIghlight_Auszügen natürlich. Als Klangkörper standen die Berliner Symphoniker zur Verfügung, komplett mit Harfe und Röhrenglocken – und von deren Möglichkeiten machte auch die Gewinner-Komposition regen Gebrauch, die ein bischen so Klang, als sei sie der Soundtrack zum Remake von Indiana Jones – mit Doris Day in der Hauptrolle.
Krasse Stilbrüche also zu den vorher improvisierenden Jazzsolisten. Besonders krass, als Joachim Kühn nach den vorgeschriebenen 5 Minuten Improvisation einfach vom Orchester überdeckt wurde, als sei er Michael Moore bei der Oskarverleihung… In wieweit es auch sinnvoll war, mit Christian Lillinger und Ramon Lopez jeweils Schlagzeuger zum musikalischen Dialog mit Feuerwerk einzuladen, könnte man auch dieskutieren. Zumal die Drumsets mit Overhead-Mikrophonierung eigentlich keine wirkliche Chance gegen die Paukenschläge eines explodierenden Feuerwerkskörpers hatten. Das spanische Feuerwerksteam um Francisco Martinez Gomis hatte in seinen ersten 5 Minuten sogar einen Rhythmus in ihre Explosionen eingebaut, was Ramon Lopez zunächst etwas “auf Linie” zwang. Den Applaus, der in der Überschrift dieses Blog-Eintrags zitiert wird, verdiente sich allerdings Connie Bauer zu Recht – er strukturierte seine Improvisation zunächst ganz eigenständig, ließ sich nicht auf bloße “Reaktion” auf das Geschehen am Himmel festlegen, sondern begann selbstbewusst schon vor dem ersten Feuerwerkskörper. So gelang tatsächlich der Eindruck eines Miteinander auf Augenhöhe zwischen den Loopsounds des Posaunisten und den “Hanabi-Lichtbildern” am Nachthimmel. Und weil das wirklich beeindruckend war, gabs auch Applaus eines tausende zählenden Publikums, der durchaus auch Connie Bauer galt. Auch die anderen Solisten wurden für ihre Beiträge mit Applaus bedacht und natürlich war das unter dem Eindruck der Überwältigungsmaschine Feuerwerk gar nicht anders möglich. Aber auch hier: erstaunlich und schön, dass eben Jazzsolisten eingeladen worden waren, mit dem Feuerwerk zu spielen. Und dann auch: solche Jazzsolisten, eben nicht Till Brönner, der ja als deutscher Superstar auch gut zum Glitterfaktor des Events gepasst hätte. Allerdings war die Kluft zwischen dem HiTech-Pyro-Festival und den Improvisatoren ohne Netz und doppelten Boden schon bemerkenswert groß. Angefangen bei tontechnischen Problemen. Und auch in den Philosophien. Die klangmächtig auftrumpfenden Berliner Symphoniker mit ihrem allzu wohlbekannten Klassik-Superhits spielten quasi “nach Metronom” eine genauestens choreografierte Ballettmusik für die tanzenden Feuerwerke, während die “Starsolisten” in ihren Improvisationen auf bloße Reaktionen – oder eben unabhängiges “nebeneinander her Spielen” festgelegt waren. Und dafür war es fast zu schade, Connie Bauer, Joachim Kühn, Christian Lillinger, Ramon Lopez, Majid Bekkas und Matthias Schriefl zu verpflichten.